Ein magischer Abend

Am 20.04.2019 Von: Herbert Grohmann

Was macht man, wenn man als Zuschauer nach einem langen Applaus am Ende der Vorstellung gebannt sitzen bleibt, noch ganz der Welt verhaftet, die in den vergangenen zwei Stunden auf der gerade mal 10 m² großen Bühne vor einem erschaffen wurde?

„Die Geschichte wird Sie so schnell nicht wieder loslassen“, hatte schon Bürgermeister Uwe Garrels prophezeit, der mit einer kurzen Rede das „4. Poppenspöler Fest“ auf Langeoog eröffnet hatte. Und so war es dann auch.

„Novecento – Die Legende vom Ozeanpianisten“ heißt dieses Stück, das Detlef Heinichen vom Theatrium Steinau am Eröffnungsabend spielte. Es stammt von Alessandro Baricco und ist schnell skizziert:

Auf dem Luxus Oceanliner „Virginian“, der Anfang des 20. Jahrhunderts auf der Route Southampton-New York-Southampton-Rio de Janeiro-Southampton-New York fährt, wird ein Kind geboren und ausgesetzt. Nichts Ungewöhnliches in den unteren Decks der Auswanderer, wo ein weiteres hungriges Maul nur zerplatzte Träume und noch größere Armut bedeutet. Der Knabe wird von dem farbigen Heizer Danny Boodman gefunden, auf einem Klavier abgestellt in einer Zitronenkiste mit der Aufschrift „T.D. Lemon“. Der Seemann tauft das Findelchen auf den Namen Danny Boodman T.D. Lemon Novecento.

Novecento wächst auf diesem Schiff unter den Matrosen auf, und er wird diese seine Welt sein ganzes Leben lang nie verlassen. Mit seinem begnadeten Klavierspiel unterhält er die Reichen und Schönen der Oberdecks in den Salons und auf ihren Parties, spielt mit dem Schiffsorchester die „offizielle“ Tanzmusik. Danach schleicht er sich hinab in die Eingeweide des Dampfers, in Lärm, Gestank und Enge der Auswandererdecks und lauscht der wehmütigen Musik derer, die aus Armut ihre Heimat verlassen haben und auf ein besseres Leben hoffen in Amerika. Novecento saugt dort unten die Gerüche und Töne aus allen Ländern Europas in sich auf und mischt seine Eindrücke und Beobachtungen zu einer bis dahin nie gehörten Klaviermusik, die nur in den unteren Decks erklingt. „Scheiß auf Vorschriften und Konventionen“ ist sein Motto, und so spielt er auch den selbsternannten Erfinder des Jazz, der ihn schließlich zu einem musikalischen Duell fordert, an die Wand. Denn Novecento wurde durch sein Klavierspiel berühmt auf seiner nicht endenden Reise – eine Legende.

Was Detlef Heinichen daraus macht, aus diesem Monolog der Erinnerungen von Novecentos Musikerkollegen und einzigem Freund, der ihn als letzter gesehen hat und sich nun an die Legende erinnert, ist nicht schnell erzählt. Und eigentlich kann man das auch nicht wirklich erzählen: Man muss es sehen, erleben.

„Der Mann lebt diese Geschichte“, sagt eine Zuschauerin in der Pause, „der ist besessen.“ Mit kleinsten Gesten, minimalistischen Requisiten, sparsamen Effekten und einer suggestiv wirkenden Hintergrundmusik, die das eine oder andere Mal die Führung übernimmt, schafft Heinichen in diesem schauspielerischen Marathon, in dem er sich auch bis an die Grenzen des physisch Machbaren treibt, mit seinem alter Ego – Novecento als Handspielpuppe – einen Sog, der einen unaufhaltsam anzieht und festhält in dieser imaginären Welt, die so klein scheint und doch so groß ist.

Später, lange nach der Vorstellung, hallen einzelne Szenen und Sätze im Hier und Jetzt nach. Wen meinte er, als er mit der Mütze eines Kapitäns auf dem Kopf sinniert: „Ein Mensch, der in einer Uniform lebt, denkt auch in Uniform!“ Trifft das nur auf Generäle und Polizisten zu oder auch auf all jene, die sich für jede Jahreszeit den neusten Trend auf den Leib shoppen? Und wie viele „Novecentos“ sind in den sogenannten sozialen Netzwerken unterwegs, deren Mikrokosmos sie nie verlassen?

Die Inselzahnärztin Dr. Gabriele Hübener, die das Langeooger Poppenspöler Fest ins Leben gerufen hat und mit Detlef Heinichen zusammen leitet, hatte eine „Hausaufgabe“ für die Zuschauerinnen und Zuschauer, die mit dem Applaudieren erst aufhören wollten, als ihnen die Hände schmerzen. „Bei Puppenspiel denken viele leider immer noch an Jahrmarkt und Kasperletheater“, sagt sie. „Nehmen Sie Ihre Eindrücke und Begeisterung mit nach Hause, und schicken Sie Ihre Familie, Freunde und Bekannte!“

Meinen Teil der Hausaufgaben habe ich gerne erledigt und kann nur empfehlen, sich unbedingt das eine oder andere Stück anzusehen. Das ist großes Theater auf kleiner Bühne - für wenig Geld.

„Solange du eine gute Geschichte auf Lager hast und jemanden, dem du sie erzählen kannst, bist du noch nicht am Ende.“ (Novecento)

 

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